Tempo, Tempo, Fortschrittskultur

Unser Gastautor Hans Irrek, Essayist und Buchautor, wirft einen Blick auf die Jahrhundertgestalterin Marianne Brandt.

Die Erwartung, mit der man 1938 in New York der MoMA-Ausstellung „1919 Bauhaus 1928“ entgegensah sollte nicht enttäuscht werden. Die von Walter und Ilse Gropius sowie Herbert Bayer umfassend inszenierte Schau stellte erstmals den Gestaltungsansatz des Bauhauses vor. In dem die Ausstellung dokumentierenden Katalog werden Programmatik, Werkstätten und Protagonisten der Institution in enzyklopädischer Breite dargestellt. Das Momentum war günstig. Keine Nation weltweit war besser auf den Modernismus eingestellt als die USA und keine war besser vorbereitet. Erst vier Jahre zuvor hatten sich die Amerikaner noch von Philip Johnsons minimalistisch konzipierter Ausstellung „Machine Art“ begeistern lassen, in der sich Tresore, Industrieglas und Schiffsschrauben als Botschafter der industriellen Ästhetik feiern ließen. Nun also das Bauhaus mit seiner Industrie und Handwerk versöhnenden Programmatik.

Die damals ausgestellten Entwürfe stießen auf breite Resonanz bei den aufgeschlossenen Amerikanern, insbesondere die in der Metallwerkstatt entstandenen Objekte erregten Aufmerksamkeit, allen voran jene von Marianne Brandt. Dass Walter Gropius bei der Auswahl der Exponate einen so deutlichen Fokus auf die Entwürfe Marianne Brandts richtete, hat einerseits mit der völlig außergewöhnlichen ästhetischen Qualität der Objekte zu tun. Sowohl in Form und Proportion als auch in ihrer ästhetischen Anmutung unterschieden sich die Arbeiten grundlegend von den meisten anderen Entwürfen. Zudem nutzte Gropius die erzeugte Aufmerksamkeit, um auf Brandt und andere Bauhäusler hinzuweisen, die mittlerweile über die ganze Welt verstreut waren.

Blättert man den Katalog der Ausstellung durch, bleibt man unweigerlich bei ihren Arbeiten stehen. Nicht ohne Grund hatte Gropius unter anderem das 1924 entstandene Tee- und Kaffeeservice aus Silber sowie eine Variation der Teekanne in versilbertem Nickel ausgewählt, die in ihrer hybriden Erscheinung die geometrischen Grundformen des Modernismus feiern, zugleich aber geradezu klassische Eleganz ausstrahlen. Wir kennen diesen seltenen Effekt von den wirklich überragenden Entwürfen des 20. Jahrhunderts, etwa Mies van der Rohes 1929 entstandenem Barcelona Chair.

Doch das Scheinwerferlicht, das der groß angelegten Schau in New York vergönnt war, erreichte die Urheberin der Meisterwerke in Deutschland nicht mehr. Die neuen vitalen biographischen Verzweigungen, wie wir sie von Josef und Anni Albers, dem Ehepaar Gropius, Moholy-Nagy oder Mies kennen, blieben Brandt leider versagt.

Ein Blick auf die bewegte Biographie gibt darüber Aufschluss. Als Tochter aus gutbürgerlichem, wohlhabendem Haus, 1889 in Chemnitz geboren, durchläuft Brandt eine weitläufige künstlerische Ausbildung an verschiedenen Instituten. Sie wird im Zeichnen, plastischen Arbeiten und schließlich in der Malerei unterwiesen, Studien, die sie in Weimar beginnt und in München beendet. Die Ehe mit dem norwegischen Maler Erik Brandt lässt Oslo für kurze Zeit zum Lebensmittelpunkt werden, doch gibt es Schwierigkeiten mit den Eltern des Malers. Das junge Paar kehrt nach einem Intermezzo in Paris und Südfrankreich schließlich nach Weimar zurück, wo die Gestalterin kurz noch einmal Bildhauerei studiert. Die große Weimarer Bauhaus-Ausstellung wird zu Recht als Wendepunkt in Brandts Leben gesehen. Im Wintersemester 1923 wird sie schließlich als Studentin am Bauhaus akzeptiert und findet auf der Suche nach einer geeigneten Ausdrucksform in Laszlo Moholy-Nagy einen engagierten Mentor. Entgegen allen Konventionen des Bauhauses, man hätte Brandt lieber in der Weberei gesehen, räumte ihr Moholy-Nagy einen Platz in der Metallwerkstatt ein, mit dem Schwerpunkt auf einer Ausbildung zur Silberschmiedin.

Die überbordende Energie, die vitale Produktivität jener Jahre in Weimar und später dann in Dessau führt schon früh zu erstaunlichen Ergebnissen. Nichts illustriert den passionierten Drang zu vorzeigbaren, repräsentativen Prototypen eindeutiger als die Variationsbreite von Teekannen, Zucker- und Milchgefäßen, Aschenbechern und Schalen aus dieser produktiven Phase. Vergessen wir nicht, all dies ist im Grunde besehen in denkbar kurzer Zeit entstanden und unter mehr als bescheidenen Umständen. Die Erinnerungen Wilhelm Wagenfelds, der mit Marianne Brandt studierte, fassen die Zustände lapidar zusammen: „In unserer Metallwerkstatt stand nur eine veraltete Schleif- und Poliermaschine, sonst keine maschinellen Werkzeuge, nur notdürftig handwerkliche …“

Betrachtet man die Präzision und handwerkliche Vollkommenheit der Objekte mit Blick auf die damals vorgefundenen Umstände und die wenigen Monate, die ihr blieben, sich handwerklich auf die komplexe Bearbeitung des Metalls einzulassen, bekommt man eine vage Vorstellung von der energetischen Ausrichtung Brandts. Erst später, als man den Fokus genauer auf das Enigma, die ewig rätselhafte Gestalterin am Bauhaus richtete, spürte man den konzentrierten Fundus an wertvollen Montagen auf, die Tempo und Rhythmus der Moderne in dynamischen Kompositionen einfangen, entdeckte man die andere Marianne Brandt. Hier kommt eine schöpferische Energie zum Zug, die sich aus brodelnden Metropolen wie Paris oder Berlin speist. Die zuweilen beengende Welt der Bauhaus- Programmatik scheint hier außen vor. Von Moholy-Nagy inspiriert wird sie zugleich eine passionierte Fotografin, die Kamera stets auf ihre Arbeit und selbstreflexiv auf ihr Leben gerichtet.

Gruppenbild in der Metallwerkstatt am Bauhaus in Weimar, um 1924. Vorne: Gerhard Vallentin, Laszlo Moholy-Nagy, Wilhelm Wagenfeld und Otto Rittweger Hinten: Marianne Brandt, Christian Dell, Josef Knau, Max Krajewski und die Arme von Hans Przyrembel

Immer wieder fasziniert das Werk der Gestalterin, der Umgang mit Material und Veredlung, die Perfektion der Details. Wir können in Hinsicht auf die Formensprache Brandts von einem durchdachten Minimalismus sprechen, der Form und Gebrauchsanspruch auf das Wesentliche komprimiert, ohne an Schönheit zu verlieren. Als sie 1924 einen zylindrischen Aschenbecher mit kippbarem Deckel entwirft, setzt dieser ästhetische und praktische Standards, die ganze Generationen nachfolgender Designer beeinflussen sollten. Gleiches gilt für die 1925 entworfenen Pendelleuchten, die Marianne Brandt gemeinsam mit Hans Przyrembel für das ikonische, von Gropius geplante Bauhausgebäude in Dessau entwarf.

Nachdem sie ab 1926 für längere Zeit privat für sich in Paris gearbeitet hat, kehrt sie im Frühjahr 1927 nach Dessau zurück und übernimmt dort ab 1928 kommissarisch die Leitung der Metallwerkstatt. Schließlich geht sie nach Berlin, um bei Gropius als Innenarchitektin zu arbeiten. In den wirtschaftlich immens unruhigen Zeiten Ende 1929 entscheidet sich Marianne Brandt, bei den Ruppelwerken in Gotha Leiterin der Entwurfsabteilung zu werden. Im Nachhinein erweist sich diese Entscheidung als fatal. Nach der „Machtergreifung“ 1933 nämlich fällt Marianne Brandt in absolute Vergessenheit und bleibt als Bauhausabsolventin bis lange nach Kriegsende ohne Arbeit und Aufgaben. Kurz nach 1933 befanden sich Josef und Anni Albers bereits in Amerika, das Ehepaar Gropius in England und Moholy-Nagy in den Niederlanden.

Ganz ohne Zweifel kann man Marianne Brandt als Jahrhunderttalent bezeichnen. Doch scheint ihre Biographie, was die Zeit nach 1933 anbelangt, beispielhaft für jenen Typus emanzipierter Frauen, deren Talente das beginnende Jahrhundert geradezu kulturell aufgepolstert haben.

In dieser Hinsicht verläuft die Rezeptionsgeschichte, die Zuschreibung von Entwürfen und Leistungen, auf nebligem Terrain. Der Krieg und die langen Nachkriegsjahre haben die individuellen Biographien und das Werk der meisten Frauen bis zur Vergessenheit verwischt. Lilly Reich, Anni Albers, Lucia Moholy-Nagy und viele andere Frauen aus den Werkstätten des Bauhauses haben Werke hinterlassen, die verstärkt wieder in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses rücken und letztlich wohl unseren Blick auf das Bauhaus korrigieren werden. Die Historie des Bauhauses ist jenseits des reinen Mythos auch eine Geschichte der Frauen.

Die Sammlung des Museum of Modern Art hat diese Erinnerungskultur bereits vor vielen Jahrzehnten verinnerlicht und besitzt gleich 12 Ausstellungsstücke von Marianne Brandt. Davon stammen die wichtigsten Exponate aus der Donation Phyllis Lambert, jener kanadischen Architektin, die Mies van der Rohe mit dem Entwurf des Seagram Buildings in New York beauftragt hatte.

Die zuletzt zurückgezogen lebende und 1983 verstorbene Marianne Brandt hätte es geliebt, an den Vitrinen im Museum of Modern Art vorbeizuschlendern und dort ihre filigranen Objekte zu sehen. Doch war es der Frau aus Chemnitz, wie vielen anderen Frauen aus der Bauhauszeit, auch im hohen Alter nicht mehr vergönnt, für ihr Lebenswerk adäquat geachtet zu werden.

Für Marianne Brandt gilt wie für Mies, dass sie mit nur einem einzigen Entwurf die ästhetische Dimension einer ganzen Epoche ausdrücken konnte. Doch im Gegensatz zu Mies, für den das Endgültige zählte, zog Marianne Brandt ihre gestalterische Energie aus der ständigen Suche.

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