Als das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau zog, hatte es sechs bewegte Jahre hinter sich. Walter Gropius hatte eine Schule gegründet, die Kunst und Handwerk neu zusammenführen wollte. Inzwischen hatte sich dieser Anspruch weiterentwickelt: Gestaltung sollte sich zunehmend mit Technik und industrieller Fertigung verbinden. Doch politischer Widerstand entzog dem Bauhaus in Weimar die Grundlage. Der Umzug wurde zum erzwungenen Abschied – und zur Gelegenheit, die eigenen Ideen weiterzuentwickeln.
Dessau bot dafür ein anderes Umfeld. Die Stadt war von Industrie und technischem Fortschritt geprägt. Hier wirkte der Flugzeugpionier Hugo Junkers, der ebenso wie Oberbürgermeister Fritz Hesse zu den Fürsprechern des Bauhauses gehörte. Mit der Schule verbanden sich konkrete Erwartungen: neue Impulse für die Stadt, zeitgemäße Wohnungen und eine engere Verbindung zwischen Gestaltung und Produktion. Die Zukunft, über die in Weimar so leidenschaftlich nachgedacht worden war, sollte hier Gestalt annehmen.
Am 4. Dezember 1926 eröffnete das neue Bauhausgebäude nach Plänen von Walter Gropius. Die große Glasfassade des Werkstattflügels gab den Blick auf das Innere frei. Unterschiedlich hohe Baukörper gliederten die Bereiche für Arbeit, Unterricht und Wohnen. Um das Gebäude ganz zu erfassen, musste man sich bewegen: Eine einzige repräsentative Hauptansicht gab es nicht.
Auch innen wurde erprobt, was die Schule lehrte. Marcel Breuers Stahlrohrmöbel gehörten zur Einrichtung, Hinnerk Schepers Farbgestaltung half bei der Orientierung und verlieh den Räumen ihren Charakter. Die Metallwerkstatt entwickelte Leuchten. Architektur und Ausstattung entstanden in enger Beziehung zueinander. Das Bauhaus konnte nun im eigenen Haus zeigen, wie es sich modernes Leben vorstellte.
Die Stiftung Bauhaus Dessau verweist ausdrücklich darauf, dass Marianne Brandt, Hans Przyrembel und Max Krajewsky die Leuchten für das Gebäude entwarfen; ein großer Teil der Beleuchtungsentwürfe stammte von Brandt.
Und dieses Leben war vielfältiger, als die berühmten Schwarz-Weiß-Aufnahmen vermuten lassen. Im Atelierhaus wohnten Studierende und Jungmeister Tür an Tür. Zur Schule gehörten gemeinsames Essen, Begegnungen und Feste ebenso wie konzentrierte Werkstattarbeit. Auf der Bühne, bei Konzerten und mit experimentellen Aufführungen wurde die künstlerische Neugier weitergetragen. Dessau war für wenige Jahre ein Ort, an dem Lernen, Arbeiten und Zusammenleben ungewöhnlich eng verbunden waren.
Die Hinwendung zur Industrie hatte bereits in Weimar begonnen. Unter László Moholy-Nagy entwickelte sich die Metallwerkstatt seit 1923 zunehmend zu einem Labor für Gestaltung. Statt ausschließlich Einzelstücke herzustellen, sollten Modelle entstehen, die sich für die serielle Produktion eigneten. In Dessau erhielt diese Arbeit eine ganz konkrete Aufgabe: Das neue Schulgebäude brauchte Beleuchtung.
Damit kamen Fragen hinzu, die weit über das Aussehen eines Gegenstands hinausgingen. Wie ließ er sich herstellen? Welche Materialien eigneten sich? Wie konnten einzelne Teile zusammengefügt, wie ein Modell wiederholt gefertigt werden?
Vor allem ab 1928 wurde die Verbindung zur Industrie enger. Kooperationen mit Leuchtenherstellern wie Schwintzer & Gräff in Berlin und Körting & Mathiesen in Leipzig, bekannt durch die Marke Kandem, brachten Bauhausentwürfe in die industrielle Fertigung.
Eine Gestalterin prägte diesen Weg besonders: Marianne Brandt.
Die ausgebildete Malerin hatte sich am Weimarer Bauhaus der Metallgestaltung zugewandt. Moholy-Nagy erkannte ihr Talent und förderte sie in einer Werkstatt, die von Männern geprägt war. Schon ihre frühen Arbeiten zeigen, mit welcher Genauigkeit sie alltägliche Gegenstände betrachtete.
Ihr Tee-Extraktkännchen von 1924, heute von TECNOLUMEN als MBEK 24 gefertigt, wirkt wie eine kleine räumliche Komposition. Eine Halbkugel bildet den Körper, der dunkle Griff setzt einen deutlichen Akzent, der Deckel sitzt seitlich versetzt. Doch jedes dieser Elemente erfüllt eine Aufgabe: Das kleine Kännchen dient der Zubereitung eines konzentrierten Tees, der anschließend mit heißem Wasser verdünnt wird.
Die kostbaren Materialien historischer Ausführungen – Silber und Ebenholz – zeigen zugleich einen Widerspruch der frühen Bauhausjahre. Wie ließ sich der Anspruch einer Gestaltung für viele Menschen mit solchen aufwendig gefertigten Objekten vereinbaren? Das Kännchen steht damit auch für eine Schule, die ihre Antworten auf die Frage nach moderner Serienproduktion erst finden musste.
Dass Brandt dabei vom Gebrauch aus dachte, zeigen auch zwei ihrer bekanntesten frühen Entwürfe: die Aschenbecher MB 23 E und MB 24 von 1924.
Beim MB 23 E steckt die Funktion unmittelbar in der Konstruktion. Der zylindrische Behälter besitzt einen kippbaren Deckel. Die Asche fällt in den darunterliegenden Behälter, zugleich schließt der Deckel diesen weitgehend ab. Ein einfacher Mechanismus, der später bei zahlreichen Aschenbechern in ähnlicher Form wieder auftauchte.
Noch stärker mit elementaren Formen spielt der MB 24. Eine Halbkugel aus Messing steht auf drei kleinen dreieckigen Füßen; darüber liegt ein abnehmbarer Deckel mit einer dreieckigen Öffnung. Kugel, Kreis und Dreieck werden hier nicht zur Dekoration eingesetzt, sondern bilden den Gegenstand selbst. Der Entwurf war schon 1925 in Walter Gropius' Bauhausbuch „Neue Arbeiten der Bauhauswerkstätten“ abgebildet.
Tee-Extraktkännchen und Aschenbecher entstanden noch in Weimar. Doch in ihnen ist bereits vieles angelegt, was Brandts Arbeit in Dessau bestimmen sollte: wenige geometrische Grundformen, sichtbare Konstruktion und die genaue Beobachtung dessen, was ein Gegenstand im Alltag leisten muss.
Brandts eigener Maßstab blieb entsprechend konkret. Rückblickend schrieb sie: „Keine Kanne ist aus unserer Werkstatt gegangen, die nicht tropffrei goss.“ Die Schönheit eines Gegenstands musste sich für sie im Gebrauch bewähren.
Mit dem Umzug nach Dessau änderte sich der Maßstab. Nun ging es nicht mehr nur um einzelne Gegenstände auf einem Tisch. Das neue Bauhausgebäude brauchte Licht für Werkstätten, Flure, Treppenhäuser und Arbeitsplätze.
Wer heute durch das Bauhausgebäude geht, kann Brandts Ideen deshalb nicht nur in einer Vitrine betrachten. Ihre Leuchten gehören zum Eindruck der Räume. Die Stiftung Bauhaus Dessau zeigt beispielsweise eine Marianne-Brandt-Kugelleuchte im Treppenhaus – dort, wo Licht, Architektur und Bewegung unmittelbar zusammentreffen.
1925 entstand gemeinsam mit Hans Przyrembel die heute von TECNOLUMEN als HMB 25 gefertigte Pendelleuchte. Ein halbkugelförmiger Metallschirm lenkt das Licht gezielt nach unten. In der Ausführung mit Rollenzug und Gegengewicht lässt sich die Höhe verändern – die Leuchte kann damit unmittelbar an die jeweilige Arbeitssituation angepasst werden. Solche Leuchten wurden in der Metallwerkstatt hergestellt und in den Bauhauswerkstätten selbst eingesetzt.
Ein Jahr später entstanden weitere Lösungen für das neue Gebäude. Marianne Brandts DMB 26 von 1926 zeigt eine ganz andere Möglichkeit. Drei schlanke Stäbe und ein Ring halten eine Opalglaskugel unter einer runden Deckenplatte. Man versteht ihren Aufbau auf den ersten Blick. Das Glas verteilt das Licht weich im Raum, die Konstruktion bleibt sichtbar. Ihre Wirkung entsteht aus dem Verhältnis weniger, sorgfältig aufeinander abgestimmter Teile.
Ebenfalls 1926 entwarf Brandt die HMB 27. Wieder bildet eine Opalglaskugel das Zentrum, doch diesmal hängt sie an drei feinen Ketten. Die Konstruktion wirkt beinahe schwerelos: Ring, Kugel und Ketten genügen, um aus wenigen Bauteilen eine vollständige Leuchte zu machen. Schon damals wurde das Modell serienmäßig hergestellt.
Die HMB 29 führt das Prinzip der Kugelleuchte noch einmal weiter. Hier wird die Form allein durch die Behandlung des Glases gegliedert: Die obere Hälfte ist ätzmatt, die untere aus weiß glänzendem Opalglas. Es braucht keine zusätzliche Verzierung – Licht, Oberfläche und geometrische Form übernehmen selbst die Gestaltung.
Ein Katalog von Schwintzer & Gräff aus den Jahren 1928/29 dokumentierte den Entwurf mit genauen Abbildungen und Maßangaben. Diese Unterlagen ermöglichten später die originalgetreue Wiederaufnahme der Leuchte durch TECNOLUMEN.
HMB 25, DMB 26, HMB 27 und HMB 29 zeigen, wie unterschiedlich Brandt eine einzige Aufgabe lösen konnte. Einmal wird das Licht mit einem Metallschirm konzentriert, ein anderes Mal verteilt eine Opalglaskugel es weich in den Raum. Mal bestimmen Stäbe die Konstruktion, mal Ketten, mal eine einzige schlanke Aufhängung.
Gerade diese Vielfalt macht deutlich, dass „Bauhaus“ nie eine einzige Leuchtenform bedeutete. Entscheidend war vielmehr, aus Funktion, Material und Herstellung eine überzeugende Lösung zu entwickeln.
Seit 1927 verantwortete Brandt die lichttechnischen Versuche der Metallwerkstatt. 1928 übernahm sie zeitweise deren Leitung und arbeitete gemeinsam mit anderen Bauhäuslern an Entwürfen für die industrielle Fertigung. Die Stiftung Bauhaus Dessau hebt hervor, dass Brandt bereits während der Entwurfsphase eng mit der Industrie zusammenarbeitete und zahlreiche ihrer Lampenentwürfe industriell gefertigt wurden.
Der Gestaltungsanspruch reichte bis zu einem Gegenstand, den man täglich berührt, meist ohne ihn bewusst wahrzunehmen: dem Türdrücker.
Walter Gropius hatte seinen bekannten Griff 1922 gemeinsam mit Adolf Meyer entwickelt. 1926 kam er im Dessauer Bauhausgebäude zum Einsatz. Auch hier führt die Geschichte von Weimar nach Dessau. Eine bereits gefundene Lösung wurde Bestandteil einer umfassenden Raumgestaltung.
Seit 1923 wurde der Gropius-Griff von der Berliner Firma S. A. Loevy in Serie gefertigt. TECNOLUMEN stellt die Gropius-Modelle seit 1983 her; heute gehören sie zum Programm der Marke TECNOLINE. Tür- und Fenstergriffe verbinden dabei die Architektur mit einer unmittelbaren körperlichen Erfahrung. Man sieht die Gestaltung und nimmt sie bei jeder Benutzung in die Hand.
Nur von 1925 bis 1932 konnte das Bauhaus in Dessau wirken. Alle drei Direktoren – Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe – prägten hier die Entwicklung der Schule. In dieser kurzen Zeit entstanden zahlreiche Bauten und Entwürfe, die das Bild der Moderne bis heute bestimmen.
1932 endete die Dessauer Zeit des Bauhauses. Nachdem die Nationalsozialisten im Dessauer Gemeinderat die politische Mehrheit gewonnen hatten, beschloss die Stadt die Auflösung der Schule. Ludwig Mies van der Rohe führte das Bauhaus anschließend noch für kurze Zeit privat in Berlin weiter. 1933 endete seine Geschichte endgültig.
Die Gegenstände blieben. Bei TECNOLUMEN lässt sich ihre Geschichte im Gebrauch weitererzählen: vom Tee-Extraktkännchen und den Aschenbechern Marianne Brandts über ihre Leuchten für das Dessauer Bauhaus bis zum Gropius-Griff.
Und gerade Marianne Brandts Arbeiten zeigen, wie weit der Anspruch des Bauhauses reichen konnte. Vom kleinen Gegenstand, der in einer Hand liegt, bis zur Leuchte, die einen ganzen Raum prägt, stellte sie immer wieder dieselbe Frage: Wie lässt sich ein alltäglicher Gegenstand einfacher, funktionaler und zugleich selbstverständlich schön machen?
Vielleicht liegt darin die besondere Nähe dieser beinahe hundert Jahre alten Ideen. Eine Kanne muss noch immer gut ausgießen. Ein Griff muss sich angenehm anfassen. Eine Leuchte muss gutes Licht geben. Und Gestaltung überzeugt dann besonders, wenn man über all das im täglichen Gebrauch kaum noch nachdenken muss.